Stimme des Monats, Herbst 2010:
Ruth Wohlschlag-Wicki, Textilfachlehrerin
Ich bin Textilfachleh- rerin und arbeite seit mehr als 10 Jahren für die Stadt Basel. Leider habe ich auf dem linken Ohr Hör- probleme: einen schlimmen Tinnitus und einen Hörverlust, der durch eine Ope- ration gemindert werden konnte. Mit dem rechten Ohr höre ich zwar sehr gut, trotzdem bin ich sehr lärmempfindlich.
Durch meine Hörprobleme fühle ich mich in meinem Leben, der Freizeit und bei meiner Arbeit als Lehrerin sehr eingeschränkt.
"Hören sie einfach nicht hin! Das haben Sie sicher schon lange und haben es einfach nicht gemerkt!" Solche Aussagen bekam ich vom Hausarzt zu hören, als ich von dem ständigen, hohen sirrenden Ton und dem unangenehmen Druck im linken Ohr berichtete. Doch ich war mir schon damals sicher, dass ich einen Hörschaden hatte – und auch, wann und wo er entstanden ist: Silvester 1996 musste ich durch eine von Musikgedröhn und Stimmengewirr gefüllte Hotelhalle, um in mein Zimmer zu gelangen. Dort ging ich auf den Balkon, um die frische Luft zu geniessen. In diesem Moment explodierten mehrere laute Silvesterraketen. Mir wurde schwindlig und schlecht, ich konnte vor Kopfschmerzen kaum noch denken.
Ich suchte Hilfe in der HNO-Abteilung des Unispitals, wo eine Otosklerose am linken Ohr festgestellt wurde. Der Oberarzt schlug eine Operation vor, welche mein Gehör verbessern könne. Doch noch während der Vorbereitung für diese Operation wurde mir erklärt, dass sie wegen der „Belanglosigkeit des Hörverlustes“ nicht durchgeführt würde. Ich musste also weiter mit meinen Hörproblemen leben. Für mich als Lehrerin waren diese eine grosse Belastung, denn sie führten zu Unsicherheit beim Verstehen und forderten täglich eine sehr anstrengende Dauerkonzentration von mir.
An der Abschlussfeier im Sommer 2007 war ich erneut immensem Lärm ausgesetzt. Mit Tusch, Applaus, Trampeln und Pfeifen wurde in der vollen Pausenhalle gefeiert. Plötzlich vernahm ich ein hohes, trillerndes Kreischen direkt in meinem linken Ohr. Danach war alles noch schlimmer, vor allem das Schwindelgefühl. Auch der Tinnitus veränderte sich: Vorher hoch und sirrend, wurde er zur kreischenden Kreissäge, die Baumstämme in meinem Ohr zersägte. Es war nicht mehr auszuhalten, und ich suchte einen Facharzt auf: Diagnose Lärmtrauma. Im November 2007 wurde ein Steigbügelersatz in mein linkes Ohr implantiert. Seitdem höre ich mit beiden Ohren wieder gleichmässiger und der Schwindel ist weg. Welche Erleichterung für mich! Der Tinnitus ist jedoch geblieben. Die Kreissäge kreischt weiter...
Nach der Operation erhielt ich zudem einen Gehörschutz. Dank ihm kann ich zum Beispiel in der Schule wieder Pausenaufsicht machen. Der Schutz filtert bestimmte Lautstärken und Frequenzen heraus, so dass ich mich ganz normal unterhalten kann, aber nicht der für mich schlimmen Lärmbelastung ausgesetzt bin. Diesen Gehörschutz möchte ich nicht mehr missen – dank ihm kann ich wieder in die Stadt, an Anlässe und zu Konzerten gehen.
Ich habe mittlerweile auch gelernt, wie ich etwas Ruhe vor meinem Tinnitus finde: Wenn ich mich längere Zeit zurückziehe und vor Lärm völlig schütze, kommt es vor, dass die Lärmmaschine in meinem Kopf auf ‚Stand-by’ läuft. Das Auf- und Abschwellen des Kreischens bleibt aus und der Ton wird gleichmässiger und leiser. Für mich ist das fast "himmlische Ruhe" – Momente, die für mich einen unschätzbaren Wert haben!
Ich habe zwar keine Aussicht auf die komplette Heilung, doch bin ich sehr dankbar, dass ich durch die OP und den Gehörschutz wieder einigermassen normal durchs Leben schreiten kann. Wesentlich dazu beitragen kann ich selbst: Ich male Bilder und kann durch das Malen symbolisch das ausdrücken, was zu viel "Ein-Druck“ auf mich macht. Auch mit Reiki, mentaler Zentrierung und anderer spiritueller Arbeit gelingt es mir, mit der belastenden Situation zu leben. Ich werde nie komplett von meinen Hörproblemen geheilt sein, aber ich versuche immer wieder, das Beste daraus zu machen. Und geniesse jede Sekunde, in der die Kreissäge in meinem Ohr eine Pause macht!
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Bild Wer Ohren hat... (verkauft): Durch das Malen kann Ruth Wohlschlag verarbeiten, was ihr zuviel "Ein-Druck" macht.

